Durch die immer wiederkehrende Ankündigung der SPD und der Linken, mittel- bis langfristig das dreigliedrige Schulsystem zugunsten der sogenannten Gemeinschaftsschule abzuschaffen, tritt ein bekanntes Phänomen zutage, das man parteiübergreifend beobachten kann: Die Politik predigt Wasser, aber sie trinkt Wein. Denn gerade denjenigen, die zwangsweise alle Kinder buchstäblich in einen gemeinsamen Bildungstopf werfen und den Eltern grundsätzlich die Wahl nehmen wollen, schmeckt ihre eigene Medizin am allerwenigsten: Die Kinder der Spitzenpolitiker von SPD, Linke und Grüne besuchen keine Gesamtschulen. Sondern durch die Bank die Gymnasien des geschmähten dreigliedrigen Schulsystems.

DAS LEBEN DER ANDEREN

Katrin Budde, Vorsitzende der Landtagsfraktion der SPD in Sachsen-Anhalt, ist eine glühende Verfechterin vom „gemeinsamen längeren Lernen“ Sie lässt keine Gelegenheit aus, um für erneute Schulstrukturveränderungen in unserem Bundesland zu werben, wohl wissend, dass die meisten Lehrerinnen und Lehrer zwischen Salzwedel und Zeitz erneuten Reformen, deren Sinn sich nicht wirklich erschließt, ablehnend gegenüber stehen. In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur am 14. August 2010 sprach sie sich für gemeinsamen Schulbesuch aller Kinder bis zur 8. Klasse aus. In diesem Gespräch äußerte sie unter anderem:

„… man (kann) ja nicht ignorieren, was in der überwiegenden Anzahl von wissenschaftlichen Studien auch gesagt wird. Die Kinder werden in den meisten Fällen zu früh getrennt - entweder in den Gymnasialzweig oder Realschul- oder Hauptschulzweig reinsortiert, in Schubladen gepackt. Und dann ist bloß noch ein Wechsel in niedrigere Abschlüsse möglich, kaum noch nach oben. Und das geht nicht. Also müssen wir eine Lösung finden.

Und die Lösung heißt: längeres gemeinsames Lernen. Hört sich so plakativ an. So werden wir es auch sagen im Wahlkampf. Aber wir werden auch, und da diskutieren wir jetzt wirklich schon Monate nach dem Bildungskonvent hier in Sachsen-Anhalt, wie man es umsetzen kann…
 (Der Bildungskonvent) ist zu einem Ergebnis gekommen und hat auch empfohlen, neue Formen längeren gemeinsamen Lernens - neben vielen anderen Empfehlungen - zu etablieren. Das war eine heiße Diskussion bei uns in der Partei auch, weil unsere Bildungspolitiker natürlich sehr gern einen verpflichtenden Wechsel haben würden für die nächste Legislatur. Ich persönlich glaube, dass es nur auf freiwilliger Basis geht, weil, ein Schulsystem immer von oben zu verändern, ohne die Schüler und vor allen Dingen die Eltern mitzunehmen, das funktioniert nicht. Das ist ganz oft versucht worden.“
Zur richtigen Bemerkung der Freiwilligkeit sei hinzuzufügen, dass während der Legislaturen 1994 -2002, die in Sachsen-Anhalt von Rot-Rot-Grün dominiert wurden, nur 4 weitere Gesamtschulen (1 IGS und 3 KGS, davon 2 in freier Trägerschaft) hinzukamen. Dabei muss man wissen, dass den Gesamtschulen die 5. Und 6. Klassen belassen wurden. Die Schlussfolgerung liegt also nahe, dass sich der Wunsch der Bürger nach integrierten Schulen in Grenzen hält. Es liegt eine typische „Desinformationskaskade“ vor, die immer dann greifen soll, wenn sich politische Wünsche nicht mi der Realität vereinbaren lassen: Bis zum heutigen Tage wartet man z. B. vergeblich darauf, wenigstens eine wissenschaftliche Studie mit dem von Frau Budde gewünschtem Ergebnis vorgestellt zu bekommen. Mit solch einer klaren Positionierung  gibt es sie nämlich  nicht. Auch ihre Aussage, neue Formen längeren gemeinsamen Lernens zu etablieren, ist ihr Interpretationsansatz. Im Abschlussbericht des Bildungskonvents kann man dazu nämlich nur Folgendes lesen:

„Es ist notwendig,die Sekundarschule qualitativ deutlich und nachhaltig aufzuwerten, ohne dass die inhaltliche Ausprägung einer Fortsetzung des Bildungsganges an Gymnasien oder an Fachgymnasien entgegensteht,die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen und -laufbahnen in alle Richtungen deutlich zu verbessern, insbesondere für Schüler, die aus der Sekundarschule heraus einen Abschluss mit Hochschulbefähigung anstreben. Auch innerhalb der Sekundarschule sollte – bei Beibehaltung der unterschiedlichen Abschlüsse – die äußere Differenzierung zwischen Haupt- und Realschulunterricht vermieden werden,gleichzeitig den Gymnasien ihren profilierten Platz im Bildungssystem zu erhalten. Seit Jahrzehnten gehört Deutschland im europäischen Vergleich zu denjenigen Ländern, welche die Bildungsgangdifferenzierung am frühesten vornehmen. In den öffentlichen und fachwissenschaftlichen Debatten ist die Bedeutung, die der Frage nach dem angemessenen Zeitpunkt einer Trennung von Bildungswegen für die im Schulsystem erreichten Ergebnisse zuzumessen ist, weiterhin umstritten. Die einschlägige Forschung bietet zwar Hinweise auf Vor- und Nachteile eines längeren gemeinsamen Lernens sowie des gegliederten Schulsystems, aber keine eindeutige wissenschaftliche Orientierung. Angesichts des Standes der Diskussion und der Handhabung in anderen Bundesländern und anderen europäischen Staaten erscheint es angemessen, das Bildungssystem Sachsen-Anhalts auch für das längere gemeinsame Lernen weiter zu öffnen.“

Nun hat jeder Mensch das Recht, seine eigene Position in einer Demokratie öffentlich zu vertreten. Es kann auch jeder die Überzeugung kundtun, dass die flächendeckende Einführung von Gemeinschaftsschulen die Lösung aller Bildungsprobleme darstellt. Allerdings wird es dann zur moralischen Frage, wenn man für sich selbst ohne Zögern das geschmähte mehrgliedrige Schulsystem in Anspruch nimmt, anderen indes einen Weg aufzeigt, den man selbst nicht zu gehen bereit ist. Die Fraktionsvorsitzende der SPD im Magdeburger Landtag lässt ihre Kinder auf einem sehr anerkannten Gymnasium lernen, obwohl doch die nächste integrierte Gesamtschule nicht weit ist. Womit wir beim Glaubwürdigkeitsproblem wären. Wer es wagt, die Betreffenden auf die Dissonanz zwischen Tugendpredigt und eigenem Lebensstil aufmerksam zu machen, erntet nicht selten den Vorwurf, die Frage sei „primitiv“ oder „geschmacklos“.
Es ist geradezu rührend unglaubwürdig, wenn geantwortet wird:  ”Es gab damals einen enormen Andrang bei der Gesamtschule am Ort. Wir hätten dort keinen Platz bekommen,“ sagt beispielsweise Linke-Vorstandsmitglied Ralf Michalowsky. Es stellt sich angesichts seines Konjunktivs die Frage, ob er es überhaupt versucht hat, und wenn nicht, warum eigentlich nicht? Man kann es niemandem verübeln, wenn er seinen Kinder eine gymnasiale Bildung ermöglichen will. Wäre da nicht die Tatsache, dass SPD, Linke, Grüne und auch die Piratenpartei wider besseres Wissen
vehement abstreiten, dass die Bedenken der Eltern berechtigt und Gesamtschulen dem dreigliedrigen System unterlegen sind. Stattdessen preisen sie diese neue Schulform – offensichtlich entgegen ihrem eigenen Urteil als Eltern – als das Non-plus-Ultra der Bildungspolitik an. Sie berufen sich dabei oft auf die Erziehungswissenschaft, die den Nutzen der Gesamtschule zweifelsfrei belegt habe. Davon kann jedoch keine Rede sein: Schon vor 10 Jahren hat eine Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung folgende Ergebnisse zutage gefördert, die von den linksgerichteten Parteien nur zu gern vergessen werden: Realschüler profitieren - wie die Gymnasiasten - unübersehbar von der frühen, mit dem 5. Jahrgang einsetzenden Differenzierung. Auch in den späteren Jahrgängen ist der Fördereffekt von Realschulen deutlich höher als der Fördereffekt von Gesamtschulen. Realschüler erreichen bis zum Ende des 10. Jahrgangs gegenüber gleich begabten Gesamtschülern zum Beispiel in Mathematik „einen Wissensvorsprung von etwa zwei Schuljahren. Das Versprechen einer besseren individuellen Förderung durch Gesamtschulen ist also auch bezüglich der potentiellen Realschüler nicht einzuhalten. - Der Vorsprung der Gymnasiasten gegenüber gleich begabten Gesamtschülern lag bei „mehr als zwei Schuljahren“. Dem niedrigen Fördereffekt der Gesamtschul-Mittelstufen entspricht ein unerwartet niedriger Leistungsstand der gymnasialen Oberstufen von Gesamtschulen, nachgewiesen für Mathematik und Englisch. All das vermag die Propagandisten der Gemeinschaftsschule, die sich damit in das Leben der anderen einmischen wollen (was sie sich selbst verbitten), nicht zu überzeugen. Sobald das Politische privat wird, achtet diese Klasse für sich selbst genau auf Distanz. Sehr gut lässt sich das in der „persönlichen Schulpolitik“ nachweisen. Einige weitere  Beispiele sollen das unterstreichen:

Auf die Frage eines Journalisten, ob er sein Kind auf eine Schule mit 90% Einwanderanteil schicken würde, antwortete der frühere grüne (!) Umweltminister von Schleswig Holstein, Klaus Müller: Nein, das würde er nicht, denn er finde nicht, dass sein Kind die Folgen einer missglückten Einwanderungspolitik ausbaden müsse. Darin  liegt die Offenbarung, dass andere die Folgen verfehlter Migrations- oder Schulpolitik ausbaden müssen.

Daniela Schneckenburger ist eine Frau mit Überzeugungen. Die Grünen-Chefin von Nordrhein-Westfalen wirbt  auch für eine grundlegende Reform der Schulen in NRW: „Wir Grüne wollen die Talente nicht länger brachliegen lassen, sondern eine einheitliche Schule für alle Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse“, schreibt sie. Schneckenburger vertritt den pädagogischen Ansatz, dass Kinder verschiedener Leistungsfähigkeit gemeinsam lernen sollen. Sie hat selbst als Gesamtschullehrerin gearbeitet. Aber wenn es um ihre eigene Familie geht, scheint sie von dem Konzept nicht überzeugt zu sein. Ihre beiden Kinder besuchen jedenfalls ein Gymnasium.

Die kämpferische Krankenschwester, Katharina Schwabedissen, Vorstandssprecherin des Linken-Landesverbands von NRW, die sich gern auch mal auf Rosa Luxemburg beruft, kann es sich leisten, ihre beiden Söhne auf eine Privatschule zu schicken – was vielleicht als subtiler Beitrag zum antikapitalistischen Klassen(zimmer)kampf gemeint ist.

Auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die Spitzenfrau der nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten, weiß zwischen öffentlichem und privatem Schulweg sicher zu unterscheiden. Aus dem Wahlkampf nimmt sie die Warnung mit, „immer mehr junge Menschen an den Hauptschulen der Perspektivlosigkeit zu überlassen“. Ihre öffentliche Schlussfolgerung aus dieser in der Sache durchaus berechtigten Erkenntnis: Das traditionelle dreigliedrige Schulsystem muss weg, die Einheits-Gesamtschule für alle muss her. Und ihre private Konsequenz? Der Sohn geht aufs Gymnasium. Nicht auf irgendeins, sondern auf eine als elitär geltende zweisprachige Schule, an der er seine als Austauschschüler in Amerika erworbenen Englischkenntnisse vertiefen soll.

In Hessen kämpfte Andrea Ypsilanti für das „lange gemeinsame Lernen“ und empfiehlt diese Schulform unverdrossen durch ihr „Institut Solidarische Moderne“. Ebenso selbstverständlich besucht ihr Sohn ein privates Gymnasium. Wann immer ihr solidarischer Gemeinschaftsschulgedanke propagiert wird: Er betrifft das Leben der anderen.

In Sachsen-Anhalt kann der wortgewandte Matthias Höhn von den Linken auf ein erfolgreiches Abitur am Sangerhäuser Gymnasium verweisen. Warum will er den nachfolgenden Schülergenerationen nun einen völlig anderen Weg verordnen, als den, welchen er selbst doch so souverän gegangen ist?

Den von den rot-rot-grünen Vorzeigepolitikern geprägten Trend bestätigte eine Umfrage der Tageszeitung „Die Welt“. Danach bevorzugen fünf von sechs Vorstandsmitgliedern der SPD-Landtagsfraktion für die eigenen Kinder das konventionelle Gymnasium; nur einer lässt eines seiner drei Kinder die Gesamtschule erproben. Immerhin.
Es ist schon nicht unproblematisch, dass sich Spitzenpolitiker ihr eigenes Sein und damit Bewusstsein schaffen. Wenn sie aber, wie so oft, versuchen, den Menschen im Lande den Unmut über missglückte Schulexperimente wegzupädagogisieren, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass diese genarrten Menschen irgendwann die Geduld verlieren.

Aber: Es ist trotzdem nicht pauschal zu unterstellen, dass solche Verhaltensweisen typisch für irgendeine Partei seien. So hält sich beispielsweise der Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt, Jens Bullerjahn (SPD), mit ideologisch gefärbten Äußerungen klug zurück und denkt eher pragmatisch:

„Einen Systemwechsel komplett zur AOS hin wird es kurzfristig nicht geben…Wir brauchen eine nach vorn gerichtete Einigung, die zum Beispiel ein längeres gemeinsames Lernen von sechs Jahren beinhalten könnte. Es will doch keiner eine endlose Bildungsdebatte in Sachsen-Anhalt haben“.

Leider läuft aber alles genau darauf hinaus, wenn man die Wahlprogramme der einzelnen Parteien betrachtet und darunter leiden werden wieder einmal mehr unsere Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer.
 
Dr. phil. Jürgen Mannke